Predigt am 23.07.2006 (16. Sonntag Lj.B) - Mk 6,30-34
Es sind nur ein paar Übergangsverse, die heute das Evangelium dieses Sonntags bilden. Mit solchen pflegt der Evangelist Markus größere Abschnitte miteinander zu verbinden. Fast absichtslos fangen sie etwas ein von der Atmosphäre im Alltag Jesu und seiner Jünger. Es ist ja kaum so gewesen, dass die Zwölf den ganzen Tag lang Jesus zu Füßen saßen, um seinen Worten zuzuhören. Am letzten Sonntag hörten wir, wie Jesus sie ausgesandt hatte in die Dörfer und Städte Galiläas. Sie sollten es selbst erproben, ob seine Frohe Botschaft die Ohren und Herzen der Menschen findet. Hier und heute nun hören wir, wie sie zurückkommen. Es herrscht ein Kommen und Gehen wie in einem Bienenhaus. Die zurückkommen sind nach allem, was wir hören, freudig überrascht. Ihr Tun und Sagen fand tatsächlich die Aufmerksamkeit der Menschen. Eine (!) Folge ihres Tuns wird besonders hervorgehoben: In den Dörfern und Städten Galiläas geraten die Menschen in Bewegung. Sie wollen nun auch endlich den sehen (!), von dem die Jünger sprachen. Deshalb verlassen sie für einen langen Tag Haus und Handwerk. Und sie lassen sich auch nicht abwimmeln durch den zeitweiligen Rückzug Jesu in Einsamkeit und Stille. Sie suchen ihn! "Alle suchen dich!", sagen die Jünger an anderer Stelle (Mk 1,37) Wer horcht da nicht auf? Menschen suchen Jesus! Warum?: Weil sie von ihm gehört haben, überzeugend von ihm gehört haben!
Ich denke, das war auch das Überraschende für die Jünger in dieser ersten Erprobungsphase der Botschaft Jesu! Noch lange erinnert sich die frühe Christengemeinde an diese Zeit des Anfangs, als Jesus mit der Schar seiner Jünger durchs Land am See Genezareth zog. Man hat diese besonders erfolgreiche Phase seines Wirkens später den "Galiläischen Frühling" genannt, die Zeit eines wunderbaren Aufbruchs. Das Wort, das der Herr sagt, und das Wort, das ihn verkündigt, - beides findet Gehör und bringt Menschen auf die Beine. Es ist nicht nur das Wort; es ist die ihm innewohnende Kraft, die in ihm wirkende Kraft Gottes, welche die Menschen unruhig macht und Jesu Nähe suchen lässt.
In diesem "Galiläischen Frühling" hatten die Apostel alle Hände voll zu tun. Kein Wunder, dass Sie nach ihrer Rückkehr erschöpft sind: "...ruht ein wenig aus!" spricht Jesus zu ihnen. In seinem Dienst zu stehen, nimmt den ganzen Menschen in Anspruch! Was für den Herrn zu tun ist, lässt sich kaum so nebenbei oder mit der linken Hand tun. In Jesu Umgebung gibt es viel Arbeit, und es braucht viele Arbeiter. Zuschauer gibt es genug!
Doch ebenso wichtig wie diese frühe Christenerfahrung ist die andere: Zur Arbeit gehört das Ausruhen. Es ist offenkundig eines der Wachstumsgeheimnisse des Reiches Gottes, das wir hier einmal mehr entdecken: Wer geben will, muss selbst zuvor bereit sein, zu empfangen! Zum aktiven Tun nach außen gehört die innere Sammlung in der Stille: "Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir alleine sind, und ruht ein wenig aus!" Schöpft neuen Atem für den kommenden Einsatz! Die Aktivisten von damals und heute erhalten einen kleinen, aber wichtigen Hinweis: Sich immer wieder einmal zurückzuziehen, sich zu sammeln zum Hören und Beten, das alles ist beileibe keine "Flucht in die Innerlichkeit", wie man heute gerne sagt. Die Zeit der Stille ist Rüstzeit für den Dienst derer, die der Herr noch immer als seine Boten aussendet, um mit Wort und Werk den Menschen seine Botschaft zu bringen.
Kurzum, liebe Gemeinde!: Wenn ich an diesen "Galiläischen Frühling" im Evangelium denke, geht mir das Herz auf. Was für ein Aufbruch! Was gäben wir heute darum, wenn dies von Neuem geschähe!: dass Menschen sich aufmachen, um Jesus zu hören; die unverwechselbare Stimme seines Wortes, die "viva vox evangelii - die lebendige Stimme des Evangeliums" Und die Zeichen zu sehen, die er seiner Kirche eingestiftet hat - und die wir Sakramente nennen.
Doch ganz so ungetrübt war dies auch am Anfang nicht! Auf diesen "Frühling" fiel bald ein eisiger Frost. Der Friede, der sich unter den Händen Jesu ausbreitete, war ein Friede über dem Abgrund. Es ging bei diesem Aufbruch nicht nur freundlich und erst recht nicht harmlos zu. Unter denen, die in Bewegung gerieten und Jesus aufsuchten, waren offensichtlich viele kranke, arme und vernachlässigte Menschen. Die Evangelien lassen es nicht dabei bewenden zu erzählen, Jesus habe ihnen ein gütiges Wort gesagt. Nein, er hat den Kampf aufgenommen gegen Krankheit und Hunger. Und gegen das, was man heute Orientierungslosigkeit nennt: "..sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben." Die Berichte von Heilungen und Wundern lesen sich leicht. Aber sie sind Zeichen von eben diesem Kampf: Wie Jesus der Liebe recht gibt, wie er für das Gottesrecht Boden gewinnt, wie er Not - äußere und innere - überwindet und in alledem den Menschen das Tor zur Freiheit aufstößt.
Der letzte Satz des heutigen Evangeliums stellt uns diesen dunklen Hintergrund vor Augen. In einer anderen Übersetzung lautet er: "Als Jesus aus dem Boot stieg, sah er die große Menschenmenge. Und es ergriff ihn Erbarmen mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben." Er sah! Das sollten wir von ihm lernen und lehren: Mit den Augen Jesu zu sehen; seinen Blick für Menschen und Dinge zu haben! Und dann werden wir sie sehen: die zunehmende Orientierungslosigkeit der Menschen in einer immer komplizierter werdenden Welt, die "seelische Obdachlosigkeit" (P.M. Zulehner) so vieler Menschen, die uns Tag aus, Tag ein begegnen. Sie suchen unausgesprochen den "Hirten" für ihr Leben, einen, der sie beschützt und "zum Ruheplatz am Wasser" führt, wie es in Psalm 23 heißt. Und alle, die sich von dieser Sehnsucht leiten, die sich tatsächlich zu Jesus und seiner Kirche führen lassen, sie ahnen längst, dass Gesundsein und Sattsein, Erfolg und Wohlstand nicht alles sind. Jesus will mehr und er gibt mehr! Er schenkt seine eigene Lebens- und Glaubenserfahrung weiter, den glühenden Kern seines Evangeliums: "Du bist von Gott geliebt - vor aller Leistung und trotz aller Schuld", wie es P. M. Zulehner so unübertroffen formuliert hat.
Ganz zuletzt heißt es im heutigen Evangelium: "Und er lehrte sie lange." Einer hat so übersetzt: "Und er fing eine lange Predigt an." Ich gäbe viel darum, wenn uns diese Predigt wenigstens in Umrissen überliefert wäre. Wie predigt man Menschen, die alle Orientierung verloren haben, wenn schon Sigmund Freud wusste, dass "Orientierungslosigkeit aggressiv macht"?. Wie können wir die Erfahrung vermitteln und vorher selber machen, die der neue Papst in die Worte gefasst hat: "Wer glaubt, ist nie allein!"? Wie kann die Kirche helfen, zu dem zu finden, von dem Petrus sagte: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens!" (Joh 6,68)
Ich setze mein ganzes Vertrauen auf diesen guten Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht und es heimträgt auf seinen starken Armen. Mit Antoine de Saint-Exupery möchte ich beten: "Herr, leihe mir ein Stück deines Hirtenmantels, damit ich meine Brüder mit der Last ihrer Sehnsucht darunter berge."
J. Mohr, St. Raphael HD
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